Glanzvolle Vergänglichkeit
Nach der Wurstparade, die die Kunsthalle
Lugano im Sommer zu ihrer Eröffnung
zeigte, geht es in der zweiten Ausstellung,
die «Video speaking pictures» der
nach Basel emigrierten Tessinerin Gabriella
Gerosa vorstellt, gehobener zu:
Pièce de
résistance der «Buffet Crash». Ein videotechnisch
spiegelsymmetrisch verdoppeltes
Champagnerbuffet lädt zum Fest. Hummer
flankieren die gefüllten Gläser, denen
sich von beiden Seiten mit exakt identischer
Geste je eine Tulpe in edler Melancholie
zuneigt. Still steigen feine Champagnerbläschen
auf, von festlicher Musik
Vivaldis begleitet. Nach einer Viertelminute
solch nobler Idylle allerdings senkt
sich ein Kristallleuchter, verdoppelt, ins
Bild und stürzt brutal in die ganze Pracht,
über der sich eine glitzernde Wolke von
Tröpfchen und Splittern entfaltet und sich
langsam wieder auflöst. Im wieder beruhigten
Stillleben stehen die eleganten
Gläser noch unversehrt, nur darum herum
hat sich das Gedeck in ein funkelndes
Durcheinander verwandelt.
Allegorie der
Vergänglichkeit des schönen Scheins?
Schönheit der Vergänglichkeit! Einige kleine,
gediegen gerahmte Bilder ergänzen das
grossformatige Video. Sie lehnen sich im
Stil an jene alten präzisen Stillleben und
Genremalereien an, auf denen der Maler
die Realität in einem kulminierenden Augenblick
angehalten hat. Die Videogemälde
indessen wandeln sich langsamlangsam.
Die Künstlerin dehnt den Augenblick
oder rafft die Weile mit vielfältigsten
Wirkungen und Effekten, ironischen, wo
das Dienstmädchen der Dame ein Kaffeetässchen
überreicht, besinnlichen, wo Päonien
ihre Blütenblätter fallenlassen, verfremdenden,
wo ein Hund seine Schnauze
bald da, bald dorthin wendet.
Gabriella Gerosa – Video speaking pictures. Kunsthalle
Lugano, Lugano. Bis 20. Dezember 2008. NZZ, 13.12.08
Die vergessenen Geschichten der Kunsthistorie
Tafelmalerei? Holländische Interieurs oder Stillleben des 17. Jahrhunderts? Gabriella Gerosas (*1964) Videoarbeiten, die sie als Projektionen oder in historisierend gerahmten Flatscreens präsentiert, muten auf den ersten Blick wie ein offenkundiger Eklektizismus an. Ihr Video „Buffetcrash“ von 2003 ist ein solches „lebendiges“ Stillleben. Zu sehen ist es derzeit in der Schau „Video Speaking Picture“ in der Basler Galerie Tony Wuethrich.
Eine reich gedeckte hell erleuchtete Tafel wird an die Wand gestrahlt. Sanft perlende Champagnergläser gruppieren sich im Zentrum des Bildes auf einem hellbraunen Tischtuch, das in symmetrischen Falten über die Tischkante fällt. Tiefgrüne Flaschen von Moët & Chandon stehen zu beiden Seiten, auch rötliche Hummer über grünen Salatblättern auf zwei Tellern an der linken und rechten vorderen Ecke des langen Banketts. Dazu, den Kontrast verstärkend, grüne saftige Limetten; im Hintergrund beidseitig weiße Weintrauben und Tulpen in weißen Vasen, die ihre lachsfarbenen Köpfe zur Mitte des Tisches wie Bogenlämpchen hängen lassen. Nature morte? Und die brennenden Kerzen in aufragenden Silberleuchtern, Vanitassymbole? Die exakte Doppelung der Gegenstände entpuppt sich als eine durch das mittlere Sektglas achsensymmetrisch gespiegelte Zweifachprojektion, die einen kleinen Tisch zur opulenten Festtafel macht. Zu hören gibt es Allegro-Sequenzen aus dem „Herbst“ von Vivaldis „Vierjahrzeiten“, sanft, süßlich und doch unaufdringlich. Eine videografische Adaption eines Stilllebens meint man vor sich zu haben und will sich abwenden – plötzlich ein klirrender Knall: Zwei Kronenleuchter sausen auf die Tafel, Gläser zerspringen, Champagner läuft über das packpapierfarbene Tischtuch und färbt es dunkel. Die tannenbaumförmigen Kristallblinker am Schaft der Kerzenleuchter pendeln tänzerisch synchron in der Luft langsam hin und her, heiter fast und doch boshaft über all der Zerstörung. Man ist entzückt und erschreckt zugleich über diese doppelbödige Inszenierung eines realen Vorgangs im Videozyklus „Das Fest“ (2003).
Als Gerosa ihre Arbeit im Kulm Hotel in St. Moritz ausstellte, sollen einige Gäste verstört gesagt haben, dass sie die Arbeit schön fänden, bis auf die destruktive Sentenz mit den Kronleuchtern. Die Künstlerin scheint es zu lieben, den Schönheit konsumierenden Betrachter subtil zu schockieren. Auch „Das Tässchen“ aus demselben Zyklus erzählt eine merkwürdige Geschichte. Die ganze Szenerie erinnert an ein holländisches Interieur: eine sitzende Frau blickt mit ernster Miene an ihre auf den Boden schauende junge Haushälterin vorbei, die in ein altmodisches Schwarz-Weiß gekleidet ist und die ihr eine Porzellantasse reicht, die vor sich hin dampft. Unheimlich kalt, statt heimelig schön erscheint diese eingefangene Geste, die die Künstlerin auf einem prunkvoll gerahmten Flatscreen präsentiert.
„Die Blütenstaubfresserin“ (2001) erinnert von der Bildanlage an Vermeers „Spitzenklöpplerin“ und im Titel schwingt Novalis- und Zoë Jenny-Lektüre mit. Doch statt der sehnsuchtsvoll romantischen Sucherin nach der Blauen Blume, hält das in der Rechten unteren Bildecke gebeugt sitzende Mädchen eine rote Rosenblüte, an der sie fast stumpfsinnig nestelt. Vor ihr hängen weitere rote und gelbe an Fäden. Alles wirkt ent-, ja verrückt. Wo sitzt diese Frau? So nahe an der Bildfläche oder Mattscheibe, dass uns nur der Kunststoff des Bildschirms und der Vorhang von Rosenblüten von ihr zu trennen scheinen, obwohl sie zugleich unnahbar, ja autistisch wirkt. Auf einem Stuhl im Hintergrund vor einem beschlagenen Fenster ein Zierstuhl mit Kreuzemblem. Immer wieder ikonografische Reverenzen an die Kunstgeschichte. Auch Tierportraits eignet sie sich an. Ein lebendiges Jagdhundportrait schaut uns an und wendet sich gelangweilt vom Betrachter ab. In der Videoarbeit „Die Haustiere des Selbstmörders“ (2001/2) scheint ein Hund, in extremem Weitwinkel aus der Vogelperspektive aufgenommen, das über ihm aufgehängte Kruzifix andächtig zu betrachten. In einer zweiten Sequenz zeigt sich neben der Hand des Selbstmörders eine sich öffnende und schließende Lilie, die zu singen beginnt. Welche Geschichten erzählen uns diese bewegten und doch tafelbildartigen Bilder, diese postmodernen Tableau vivants? Sind es Geschichten, die in der so kausal scheinenden Kunstgeschichte untergegangen oder ausgespart worden sind? Gerosa vermag sowohl einen Blick auf bereits abgehangene Kunst neu zu beleben als auch zu verunsichern und eröffnet wundersame Einblicke in Verwunschenes, Unheimliches, in die Stille, aus der uns ganz unverhofft ein Poltern und Quietschen in die Gegenwart zurückholt.
Sören Schmeling
29.05.08
Von
vergänglicher Schönheit: Gabriella Gerosas Einladung
zu einem «Fest» ohne Gäste
Noch kein Bild, da setzt die Musik ein. Schon die ersten
Takte drehen sich sanft, aber unerbittlich ins Ohr. Vivaldis
«Frühling» aus den «Vier Jahreszeiten»
hat man zu oft gehört, um nicht gleich zu denken: ein
Stimmungsklischee, gern gespielt zu gesellschaftlichen Anlässen,
die weniger gehoben und allemal weniger erhebend sind als
sie sich geben wollen. Gepflegte Langeweile, gedämpfte
Stimmen, am besten ist meist noch das Buffet. Und tatsächlich
scheint auch das Bild auf der Leinwand dazu zu passen, auf
den ersten und eigentlich erst recht auf den zweiten Blick.
Ein
perfektes Stillleben hat Gabriella Gerosa für uns angerichtet.
Über die Tafel ist ein weisses Tuch gebreitet worden;
darauf sind nach allen Regeln der Kunst dunkelorange leuchtende
Hummer arrangiert und silbrig glitzernde Austern, dunkle
Oliven und helle Brötli, saftgrüne Limomen, Weintrauben
in Weiss und Rot. Rosafarbene Tulpen neigen sich elegant
aus schlanken Vasen, weisse Kerzen spenden stimmungsvolles
Licht, zwei Champagnerflaschen rahmen eine Gruppe von Kelchen,
in denen es verführerisch perlt.
Ja:
Es perlt in den Gläsern und die Kerzen flackern versonnen
vor sich hin, denn das Ganze ist eine Projektion –
in mehrfacher Hinsicht, wie man nun erkennt, da sich die
perfekte Symmetrie der Tafel einer Spiegelung verdankt.
Das vergisst man vielleicht wieder nach einer Weile, während
man in den Anblick das Glanzes versunken, von Vivaldi wirkungsvoll
sediert, darauf wartet, eigentlich schon nicht mehr darauf
wartet, dass etwas oder eben auch einfach nichts weiter
geschieht.
Eine
schier unendlich gedehnte Minute später perlt es noch
immer in den Gläsern, Vivalid plätschert im Hintergrund
und man denkt nach über die unaufhaltsame Macht der
Gegenwart über die übrige Zeit. Und über
die fatale Rezeptur dezenter Opulenz, dank der die Dinge
so wirkungsvoll der Leidenschaft und Zärtlichkeit des
Augenblicks ,der Intensität einer Stimmung entfremdet
werden und zu Klischees gerinnen. Nein, das haben sie eigentlich
nicht verdient, am allerwenigsten die Musik: Vivaldi, der
dem Priesteramt entfloh um mit einem Mädchenorchester
Weltruhm zu erlangen – was für eine Karriere!
Wie konnte das nur passieren? Warum haben wir uns das nur
angetan?
Genau
in dieser Sekunde, die Musik hat sich gerade zum Crescendo
gegen Ende des ersten Satzes aufgeworfen, passiert es: Erst
ein metallenes Ächzen wie von einer gigantischen schwergängigen
Schraube, das nichts Gutes ahnen lässt, dann ein ohrenbetäubender
Krach. Die Gläser stürzen, fallen nach allen Seiten,
die Früchte fliegen und die Tulpen knicken weg, nun
explodieren auch die Champagnerflaschen, schäumendes
Nass schwappt über dem Tisch. Aber das kann das träge
Auge nurmehr nachbuchstabieren, während es zaghaft
das Ausmass der Zerstörung abtastet.
Auch
dafür hat es nun wieder weidlich Zeit, während
im Hintergrund trotzig die letzten Takte des Allegro verklingen.
Nein, einen zweiten Satz wird es nicht geben: Vom appetitlichen
Gedeck ist wenig übrig geblieben. Die Tulpen haben
ihre Blüten verloren, die Hummer sind kläglich
in sich zusammengesackt, die Kerzen verloschen wie in einem
memento mori – bis auf zwei, die das gespenstische
Szenario beleuchten. Vivaldi ist verstummt, statt seiner
gibt das auspendelnde Glasgehänge des Kristalllüsters
den Takt. Bis auch dieses Totenglöcklein verklingt.
Unverdrossen, aber stumm perlt der Champagner in den Gläsern,
die wohl niemand mehr leeren wird. Jetzt ist im Stillleben
wirklich Stille eingekehrt.
Bill
Viola hätte dafür eine gigantische Leinwand, extreme
Slow Motion und ein ganzes Soundsystem gebraucht –
und natürlich niemals, niemals Vivaldi erklingen lassen.
Anders Gabriella Gerosa : Ihr liegt wenig an Pathos und
Paukenschlag. Den Posten des Obersten Bademeisters an den
Tauchbecken der großen Gefühle wird und will
sie dem amerikanischen Videokünstler sicher nicht streitig
machen. Zwar zitiert auch sie Kunstgeschichte und arbeitet
auf der Klaviatur der Emotionen, doch geht die subtile Präzision
ihrer Kompositionen auf etwas anderes aus. Ihre artifizielle
Ästhetik verrät, dass das Erbe der Kunstgeschichte
längst in einer visuellen Kultur aufgegangen ist, die
weidlich Gebrauch von ihm gemacht hat.
Ähnliches
gilt auch für die Wahl der Musik: Die Prägung
durch halbherzige Derivate – Hintergrundgesäusel
für Firmenfeierlichkeiten, Werbeclips und sogenannte
«Klassik-Sender» – paart den Glanz des
Festgedecks von vornherein mit seinen schalen Nachbildern
in Lifestyle-Magazinen. In Wirklichkeit kennen wir barocke
Festlichkeit zumeist als Fertig-Arrangement, bestellt zur
Erfüllung gesellschaftlicher Konventionen. Allerdings
lässt uns Gerosa auch hinreichend Zeit, über die
falsche Nostalgie nachzudenken, die hinter solchen Vergleichen
lauert. War Vivaldi nicht selbst ein geschickter Arrangeur,
der für den Geschmack seiner Zeit komponierte? Und
wurden nicht die meisten der wunderbaren Stillleben, vor
denen wir heute im Museum andächtig «memento
mori» murmeln, vor allem anderen deshalb gemalt, weil
sich der Künstler Käufer versprach? So gesehen
ähneln Gerosas sanft bewegte Bilder eher Cindy Shermans
frühen «Film Stills», die zwischen Bildgedächtnis
und Leerlauf oszilieren. Auch sie schicken die Gefühle
auf die Suche scheinbar erinnerter Vorbilder, die sich letztlich
als leeres Klischee entpuppen.
Die Zerstörung der Schönheit findet nicht erst
mit dem Sturz des Kronleuchters statt. Vanitas war von Anfang
an – um nicht zu sagen: Vanity Fair. Eine schöne
Lüge eben. Das Interessante daran ist jedoch: So wie
Gabriella Gerosa sie erzählt, erinnert man sich unwillkürlich
daran, dass das alles – und sei es an einem anderen
Ort und zu einer anderen Zeit – dennoch wirklich,
wahr und wunderschön sein kann.
Medienkunstjournal,
Verena Kuni
02.08.2006
...auch
Gabriella Gerosa (1964), die derzeit im Kunst-Raum Riehen
ihre „ video speaking pictures“ vorführt,
gehört zu dieser Generation .Die Farbigkeit, die traumartige
Erzählweise, das fast durchgängige Blumenmotiv
und auch der Singsang geheimnisvoller Frauenstimmen erinnern
denn zunächst auch stark an die Aestetik etwa von Pipilotti
Rist. Während Rist den Dingen dieser Welt mit ihrem
Objektiv permanent auf den Fersen ist, bleibt die Kamera
bei Gerosa stets fixiert: Hier sind es die Dinge selbst,
die sich wie auf einer Bühne im Bildraum bewegen.
In der vierteiligen Videoinstallation „Die Haustiere
des Selbstmörders“ etwa blicken wir mal aus einem
Vogelkäfig, mal aus einem Aquarium heraus auf ein biederes
Interieur, wo sich die Bewohner und auch der Hund ganz unheimlich
zu langweilen scheinen. Dann wiederum sehen wir von der
Decke herab über ein Kruzifix auf das treueste aller
Haustiere-oder aber wir Beobachten neben einer unbewegten
Hand das geheimnisvolle Leben einer Lilie.
Wie eine Malerin schafft Gerosa Kompositionen , die sich
nicht wie bei Rist im Moment, sondern erst mit der Zeit
entfalten.Während bei Rist immer viel geschieht, lässt
uns Gerosa meist nur ahnen, dass gleich etwas geschehen
könnte. Das ist Malerei mit der Kamera im besten Sinne...
NZZ
Feuilleton, Samuel Herzog
16. März 2002 |